Jump To Content

LearnHub




John Dewey - Mein pädagogischer Glaube I

John Dewey

Artikel 1: Was Erziehung ist

Ich glaube, daß Erziehung stets nur durch die Teilhabe des einzelnen am sozialen Bewußtsein der Menschheit vor sich geht. Dieser Prozeß beginnt unbewußt fast schon bei der Geburt und formt andauernd die Kraft des einzelnen Menschen, füllt sein Bewußtsein, prägt sein Verhalten, übt seine Vorstellungen und weckt seine Gefühle. Durch diese unbewußte Erziehung gelangt der einzelne allmählich zur Teilhabe an den geistigen und moralischen Ressourcen, welche die Menschheit zusammengetragen hat. Er wird zum Erben des zins-tragenden Kapitals der Zivilisation. Auch die formalste und abstrakteste Erziehung der Welt kann diesen allgemeinen Vorgang nicht einfach außer acht lassen. Sie kann ihn nur organisieren oder ihn in eine bestimmte Richtung lenken.

Ich glaube, daß die einzig wahre Erziehung dann geschieht, wenn die Kraft des Kindes durch die Anforderungen der Situation des Zusammenlebens herausgefordert wird, in der es selbst steckt. Durch diese Anforderungen wird das Kind veranlaßt, als Mitglied eines Ganzen zu handeln, also aus seiner ursprünglichen Enge von Tat und Handlung herauszutreten und sich selbst vom Standpunkt des Wohlergehens der Gruppe wahrzunehmen, der es angehört. Über die Rückmeldungen, die andere ihm zu seinem Handeln geben, begreift es, was dies in sozialer Hinsicht bedeutet. Sein Wert wird in es zurückgespiegelt. Zum Beispiel beginnt das Kind über die Reaktionen auf sein Geplapper zu begreifen, was dies Geplapper bedeutet; es verwandelt das Geplapper allmählich in artikulierte Sprache und wird dabei mit dem versammelten Schatz von Vorstellungen und Gefühlen vertraut, den die Sprache heute bietet.

Ich glaube, daß dieser Prozeß der Erziehung zwei Seiten hat - eine psychologische und eine soziologische -, und daß keine von beiden ohne böse Folgen der anderen untergeordnet oder übergangen werden kann. Die psychologische Seite bildet die Grundlage. Instinkte und Kräfte des Kindes liefern das Material und geben den Ausgangspunkt aller Erziehung. Wo sich die Bemühungen des Erziehers nicht mit einer Tätigkeit verbinden, der sich das Kind selber aus eigener Initiative widmet, wird Erziehung auf einen äußeren Zwang reduziert. Dieser kann tatsächlich bestimmte äußerliche Ergebnisse haben, aber er ist als Erziehung kaum zu bezeichnen. Ohne Einsicht in die psychologischen Strukturen und Aktivitäten des Individuums bleibt der Erziehungsprozeß dem Zufall ausgeliefert und willkürlich. Wo er zufällig mit den Tätigkeiten des Kindes zusammengeht, wird er Auftrieb erhalten; wo nicht, wird es zu Reibungen kommen oder zu Auflösungserscheinungen oder zum Stillstand der kindlichen Entwicklung.

Ich glaube, daß die Kenntnis der sozialen Bedingungen des gegebenen Standes der Zivilisation notwendig ist, um die Kräfte des Kindes richtig deuten zu können. Das Kind verfügt über seine eigenen Instinkte und Tendenzen, aber wir wissen nicht, was diese bedeuten, bevor wir sie nicht in Begriffe ihrer sozialen Äquivalente übersetzt haben. Wir müssen uns darauf verstehen, sie in die gesellschaftliche Vergangenheit zurückzuprojizieren und sie als Erbe vergangener Tätigkeiten der Menschheit wahrzunehmen. Wir müssen uns auch darauf verstehen, sie in die Zukunft hineinzuprojizieren, um zu sehen, worauf sie hinauslaufen und was ihr Ergebnis sein wird. Auf das Beispiel bezogen, ist es die Fähigkeit, im Geplapper des Kleinkindes das Vermögen für künftigen sozialen Austausch und eine Diskursfähigkeit zu erblicken, die es in die Lage versetzt, mit jenem Instinkt richtig umzugehen.

Ich glaube, daß die psychologische und die soziale Seite ursprünglich miteinander verwandt sind, und daß Erziehung weder als Kompromiß zwischen beiden gelten darf, noch als Überordnung der einen über die andere. Es ist vorgebracht worden, daß die psychologische Definition von Erziehung für sich allein formal und inhaltsleer bleibt - daß sie uns lediglich eine Vorstellung von der Entwicklung der geistigen Kräfte gibt, ohne eine Idee davon, wozu diese Kräfte nutzbringend einzusetzen sind. Auf der andern Seite ist darauf hingewiesen worden, daß die soziale Definition von Erziehung im Sinne eines Anpassungsprozesses an die Zivilisation aus ihr einen erzwungenen und äußerlichen Vorgang macht, der darauf hinausläuft, die Freiheit des einzelnen einem vorgegebenen sozialen und politischen Zustand zu unterwerfen.

Ich glaube, daß beide Vorwürfe dann zutreffen, wenn sie gegen eine der beiden Seiten ohne Berücksichtigung der jeweils andern vorgebracht werden. Um zu wissen, was eine gegebene Kraft bedeutet, müssen wir wissen, was ihr Zweck, ihr Nutzen oder ihre Funktion ist; und dies können wir nicht wissen, solange wir nicht das Individuum als ein in sozialen Vorgängen handelndes Wesen begreifen. Aber andererseits werden wir dem Kind unter den gegebenen Umständen nur dann gerecht, wenn wir es in den vollständigen Besitz all seiner Kräfte setzen. Seit dem Bestehen der Demokratie und unter den gegebenen Bedingungen der Industriegesellschaft ist es unmöglich vorauszusagen, welches Bild die Zivilisation in zwanzig Jahren bieten wird. Deshalb ist es unmöglich, das Kind auf einen präzise bestimmten künftigen Zustand vorzubereiten. Ein Kind auf das künftige Leben vorbereiten heißt, ihm Kontrolle über sich selbst zu geben; es heißt, es so zu üben, daß es seine Fähigkeiten vollständig und sofort einzusetzen vermag; daß sein Auge und Ohr und seine Hand einsatzbereite Werkzeuge sind, daß sein Urteilsvermögen in der Lage ist, die Bedingungen zu begreifen, unter denen es zu arbeiten gilt, und daß es gelernt hat, seine Kräfte klug und wirksam einzusetzen. Es ist unmöglich, diese Art von Anpassung zu erreichen, ohne dauerhaft Kraft, Geschmack und Interesse des Individuums zu berücksichtigen - also ohne Erziehung immer wieder in psychologische Begriffe zu übertragen.

Zusammenfassend glaube ich, daß das Individuum, welches es zu erziehen gilt, ein soziales Wesen ist, und daß die Gesellschaft die organische Verbindung von Individuen darstellt. Wo wir den sozialen Faktor vom Kinde wegnehmen, bleibt uns nur eine abstrakte Größe; wo wir den individuellen Faktor von der Gesellschaft wegnehmen, bleibt uns nur eine unbewegliche und tote Masse. Erziehung muß also mit der psychologischen Einsicht in die Fähigkeiten, Interessen und Verhaltensweisen eines Kindes beginnen. Und sie muß jederzeit durch Berücksichtigung dieser Größen kontrolliert werden. Die Kräfte, Interessen und Verhaltensweisen müssen ihrerseits dauernd interpretiert werden - wir müssen wissen, was sie bedeuten. Sie müssen in Begriffe ihrer sozialen Äquivalente übertragen werden - in Begriffe, die ihr Potential im Hinblick auf den Dienst an der Gemeinschaft ausdrücken.

Weiterlesen …

Übersetzung ins Deutsche: Helmut Schreier Den amerikanischen Originaltext finden Sie hier.


Your Comment
Textile is Enabled (View Reference)