John Dewey - Mein pädagogischer Glaube III

Artikel 3: Inhalt und Stoff der Erziehung
Ich glaube, daß das soziale Leben des Kindes die Grundlage für alle Konzentration und Verbindlichkeit bei seinem Lernen und Aufwachsen liefert. Das soziale Leben gibt ihm eine unbewußte Einheit für sein Tun und verleiht all seinen Bemühungen und Erfolgen einen Hintergrund.
Ich glaube, daß Inhalt und Stoff des Lehrplans die allmähliche Ausdifferenzierung der ursprünglichen unbewußten Einheit des sozialen Lebens begleiten sollten.
Ich glaube, daß wir die Natur des Kindes verletzen und seine bestmögliche Bildung gefährden, wenn wir es abrupt mit einer Reihe von abgesonderten Kursen im Lesen, Schreiben, in Geographie usw. konfrontieren, die mit seinem sozialen Leben nicht verbunden sind.
Ich glaube, daß der wahre Kern der Verbindungen der Gegenstände des Schulunterrichts weder in der Wissenschaft liegt noch in der Literatur noch in der Geschichte noch in der Geographie, sondern in den sozialen Aktivitäten des Kindes selbst.
Ich glaube, daß die Erziehung über naturwissenschaftliche Studien oder Naturstudien keine Einheit finden kann, denn die Natur bietet, abgesehen von der menschlichen Tätigkeit, selbst keine Einheit; Natur für sich besteht aus einer Reihe verschiedenartiger Objekte in Raum und Zeit, und der Versuch, diese zum Zentrum der Arbeit zu machen, läuft auf ein Prinzip des Auseinandertreibens anstelle eines der Konzentration hinaus.
Ich glaube, daß Literatur ein Ausdruck der Spiegelung und Deutung sozialer Erfahrung ist; deshalb muß sie der Erfahrung folgen und soll ihr nicht vorangehen. Aus diesem Grund taugt sie nicht zur Grundlage des Lehrplans, auch wenn sie die Summe für eine spätere Zusammenschau bilden kann.
AusdruckIch glaube, daß die Geschichte insoweit von erzieherischem Wert ist, als sie Phasen des sozialen Lebens und Wachstums repräsentiert. Sie muß durch die Beziehung zum sozialen Leben kontrolliert werden. Wo sie einfach als Geschichte genommen wird, fällt sie einer fernen Vergangenheit anheim und wird tot und unbeweglich. Wo sie als Bericht über das soziale Leben und den Fortschritt der Menschheit verstanden wird, gewinnt sie Bedeutung. Ich glaube aber auch, daß sie nur dann so aufgefaßt werden kann, wenn das Kind gleichzeitig direkt in das soziale Leben eingebunden ist.
Ich glaube, daß die erste Grundlage der Schulerziehung in denjenigen Kräften des Kindes liegt, die sich entlang der gleichen konstruktiven Linien entfalten, welche die Zivilisation hervorgebracht haben.
AusdruckIch glaube, daß die einzige Möglichkeit, dem Kind ein Bewußtsein seines sozialen Erbes zu vermitteln, darin besteht, es die gleichen Haupttypen von Tätigkeiten ausüben zu lassen, die der Zivilisation zugrunde liegen.
Ich glaube deswegen, daß Ausdrucks- und Konstruktionstätigkeiten den Ausgangspunkt und die Mitte allen Stoffes bilden.
Ich glaube, daß dies die Begründung für den Platz des Kochens, Nähens, der Handarbeit usw. in der Schule liefert.
Ich glaube, daß es sich bei diesen Tätigkeiten nicht um spezielle Kurse handelt, die neben oder über viele andere hinaus zur Erholung oder zum Ausgleich oder als zusätzliches Lernangebot einzuführen sind. Ich glaube, daß sie eher die fundamentalen Formen sozialer Aktivität repräsentieren; und daß es möglich und wünschenswsert ist, daß die Einführung des Kindes in die formaleren Gegenstände des Unterrichts über das Medium derartiger Aktivitäten erfolgt.
Ich glaube, daß die Beschäftigung mit der Naturwissenschaft insofern erzieherisch ist, als sie die Materialien und Prozesse vor Augen führt, die das soziale Leben bestimmen.
Ich glaube, daß eine der größten Schwierigkeiten im gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Unterricht darin liegt, daß der Stoff in rein objektiver Gestalt präsentiert oder als eine neuartige, besondere Art der Erfahrung behandelt wird, die das Kind den Erfahrungen, über die es verfügt, anhängen soll. In Wirklichkeit liegt der Wert der Naturwissenschaft in der Fähigkeit, bereits gegebene Erfahrungen zu kontrollieren und zu deuten. Sie sollte nicht als völlig neuer Gegenstand eingeführt werden, sondern als Darstellung von Faktoren, die bei früheren Erfahrungen bereits eine Rolle gespielt haben, und im Sinne eines Verfügbarmachens von Werkzeugen, mit deren Hilfe die Erfahrung leichter und wirksamer reguliert werden kann.
SchwierigkeitenIch glaube, daß uns gegenwärtig viel vom Wert der Literatur und der Sprachstudien wegen der Ausklammerung des sozialen Elements abhanden kommt. Sprache wird in der pädagogischen Literatur einfach als Ausdruck von Gedanken behandelt. Während es zutrifft, daß Sprache ein Instrument der Logik ist, handelt es sich dabei doch grundsätzlich und vor allem andern um ein soziales Instrument. Sprache ist das Mittel zur Kommunikation; sie ist das Werkzeug, mit dessen Hilfe ein Individuum in die Lage gerät, seine Vorstellungen und Gefühle mit anderen zu teilen. Wo sie lediglich als Informationsinstrument eingesetzt wird oder als Mittel, zu zeigen, was man gelernt hat, verliert sie das soziale Motiv und ihren sozialen Zweck.
Ich glaube, daß es demzufolge im idealen Lehrplan der Schule keine Reihenfolge von Studiengängen gibt. Wenn Erziehung Leben bedeutet, dann hat alles Leben von Anfang an auch einen naturwissenschaftlichen Aspekt, einen Aspekt von Kunst und Kultur und einen Aspekt der Kommunikation. Es kann deshalb nicht wahr sein, daß die angemessenen Beschäftigungen für das eine Jahr sich auf Lesen und Schreiben konzentrieren, und daß in einem späteren Jahr Literatur oder Naturwissenschaft eingeführt werden sollen. Der Fortschritt liegt hier nicht in der Reihenfolge der Studien, sondern in der Entwicklung neuer Haltungen und Interessen gegenüber der Erfahrung.
Ich glaube schließlich, daß Erziehung als fortwährende Rekonstruktion von Erfahrung verstanden werden muß, daß es sich also bei dem Prozeß und bei dem Ziel der Erziehung um ein- und dieselbe Sache handelt.
Ich glaube, daß das Setzen eines Zweckes außerhalb des Erziehungsprozesses, mit dem diesem ein Maß und ein Ziel vorgegeben werden soll, den Erziehungsprozeß seiner Bedeutung beraubt und dazu führt, daß wir uns beim Umgang mit Kindern auf äußerliche und falsche Anregungen verlassen.
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Übersetzung ins Deutsche: Helmut Schreier Den amerikanischen Originaltext finden Sie hier.
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